„Kellmeier“ – Ein Alias der Jahrhunderte überdauerte

Mit freundlicher Unterstützung durch Margareta Honstetter

Gang zu Kellmeiers ge Eier holë!“ So wurde man als Kind losgeschickt und, dort angekommen, grüßte man dann ganz selbstverständlich mit Guten Tag Frau Kellmeier. Denn Kellmeier wurde genannt, wer im Kellhof zuhause war. Daran hat sich wahrscheinlich schon seit der Gründung des Anwesens vor 877 Jahren bis ins späte 20. Jahrhundert nichts geändert. Heute wissen das nur noch wenige.

Im 27. Band des Freiburger Diöcesan-Archiv von 1899 ist auf Seite 147 im zweiten Abschnitt zu lesen:

Die Besitzer des Kellhofs heißen seit dem Jahre 1874 Honstetter, nachdem sich Johann Baptist Friedrich Honstetter mit Sophie Wartus vermählte, die den Hof von ihrer Mutter, Helena, übernommen hatte. Die Mutter, inzwischen mit Nachnamen Madach, hatte das Anwesen von ihrem ersten Ehemann, Balthasar Müller, geerbt. Später ehelichte sie Mathias Wartus, mit dem sie gerade noch neun Lebensjahre verbringen durfte, um nach dessen frühen Tod noch ein weiteres Mal zu heiraten.

Die Bewohner des Kellhofes lassen sich ab 1566 in den noch aufzufinden Akten namentlich belegen. Doch ein Kellmeier findet sich nicht darunter. Wie den Nachforschungen von Friederike Honstetter zu entnehmen ist, hießen sie Auer (1566-1621), Thumb (1633), Bechler (1649), Keller (1695-1731) und Müller (1742-1840).

Meier war ja ursprünglich kein Familiennamen, sondern bezeichnete eine Funktion, eine Tätigkeit, einen „Beruf“, so wie dies bei vielen andere Familiennamen wohl auch der Fall war, beispielsweise bei Jäger, Fischer, Weber, Drechsler, Metzger, Müller, Becker, Schmid, Ledergerber, etc.. Meier oder Hausmeier waren Verwalter königlicher Güter, also eine Art Geschäftsführer, wie man heute sagen würde. Mit Karl Martell, einem fränkischen Hausmeier, begann bekanntlich deren Aufstieg zu königsgleicher Herrschaft, der zur Entstehung der Dynastie der Karolinger führte, welche es bereits mit seinem Enkel, Karl dem Großen, zu kaiserlichen Würden brachte.

Während die Hausmeier in früheren Tagen und andernorts meist selbst von adeliger Herkunft und mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet waren, verfügte der „Hausmeier“ des Kellhofs nicht über derlei Privilegien. In den 547 Jahren, die das Heiliggeist-Spital von Überlingen die Herrschaft über den Kellhof ausübte, war der Status der Kellmeier lange Zeit nur der von Leibeigenen, die unter erheblichen Abgaben zu leiden hatten.

Um das Wohlergehen seiner Insassen zu gewährleisten, die zum Teil sehr wohlhabend waren und an Dienstboten und üppiger Verpflegung keinen Mangel litten, bediente sich das Spital Überlingen in Sernatingen hemmungslos. Im Bildband zur 850-Jahr-Feier der Gemeinde Bodman-Ludwigshafen ist zu lesen: „Die Liste der Steuern, Abgaben und Gebühren ist lang. Steuer und Anlag, Öhmd- und Dienstgeld, Fahl- und Erdschatz, Lehenzins und Fruchtgülten, Grund- und Bodenzins, Dienst- und Heugelder, Kuchelgefälle und Mühlenzins, Pfeffergelder und Forstgelder, Gruß-, Klein- und Blutzehnt, Rauschschilling, Taxalien, Recognitionen, Schreib-, Abzug- und Manumissionsgelder.“
Nicht einmal der Mist, war vor dem Zugriff der Abgabeneintreiber sicher, um den guten Dünger dem eigenen spitälischen Boden zukommen zu lassen. Dazu beschäftigten Spital und Stadt extra einen Mistschauer.

Der Kellhof ist das älteste bekannte Gebäude des Ortes, weshalb es auch als die Wiege von Sernatingen bezeichnet wird. Möglicherweise wurde es auf den Grundmauern einer römischen Befestigungsanlage erbaut. Im Jahre 1145 bestätigte der deutsche König Konrad III. dem Kloster Allerheiligen in Schaffhausen seine Besitzungen und Freiheiten, zu denen auch der Hof des Swicheri in „Sernotingen“ zählt. Zehn Jahre später, anno 1155, bescheinigte Barbarossa dem Bischof von Konstanz seine Eigentumsrechte am Kellhof samt Kapelle zu Sernatingen. Danach fiel er in den Besitz der Herren von Bodman. Am 29. September 1294 verkaufte Ulrich von Bodman den Hof dem Heiliggeist-Spital von Überlingen, samt Vogteirecht, Jurisdiktion, Zwing und Bann über das Dorf Sernatingen. Später wurde der Kellhof als „Schupflehen“ weitergegeben und erfüllte die Funktion eines „Hubhofes“, der für das Einsammeln der Abgaben anderer Lehenshöfe zuständig war. Da die Abgaben zu einem großen Teil aus Wein bestanden, muss der Kellhof über einen weiträumigen Keller verfügt haben, dem er wohl auch seinen Namen verdankt: Kellhof = Hof mit Keller. Anfangs herrschten die Spitalpfleger über Sernatingen und wachten über den pünktlichen Einzug der Abgaben. Später übernahm diese Aufgabe der spitälische Obervogt, der das „Schlössle“ bewohnte.

Mit der Heirat zwischen Johann Baptist Friedrich Honstetter und Sophie Wartus im Jahre 1874 zog eine Familienlinie der in Ludwigshafen beheimateten Honstetter in den Kellhof ein, deren Wohnhaus sich einst im unmittelbaren Bereich der Bahnlinie befunden hatte und 1885 dem Bau der Bodenseegürtelbahn weichen musste. Der jüngste Sohn des Ehepaares, ebenfalls mit Namen Johann Baptist, führte den Hof weiter bis er schließlich im Jahre 1958 an Frowin Honstetter überging. Dieser nahm sich mit Unterstützung des Denkmalamtes und viel Eigenleistung der Renovierung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes an. Frowin Honstetter starb durch einen tragischen Unfall bei der Feldarbeit am 1. Juli 1986.

Dank seines Engagements ist dem Ort ein historisches Bauwerk in seiner Stattlichkeit und Eleganz erhalten geblieben. Die Aufmerksamkeit der Passanten, die das Gebäude als fotogene Attraktion schätzen, erregt es aber nicht zuletzt durch den prachtvollen und üppigen Vorgarten, den seine heute 92-jährige Frau, Margareta, noch immer fachkundig und liebevoll pflegt.

Am 10. Juni 1995 veranstaltete die Gemeinde zum 850-jährigen Bestehen des Kellhofs einen Dorfhock und setzte das Leben eines Kellmeiers in Szene, wie es sich vor vielen Jahrhunderten zugetragen haben könnte.

Bis noch vor kurzem galt: Kellmeier heißt, wer im Kellhof wohnt.

Im dörflichen Ambiente früherer Tage, wo man beim Heiraten häufig unter sich blieb und die Namensvielfalt daher eher bescheiden ausfiel, stellte die Zuweisung von Übernamen zur raschen Identifizierung von Personen mit demselben Familiennamen nicht nur eine Gepflogenheit, sondern geradezu eine Notwendigkeit dar. Erstaunlich ist jedoch im Falle Kellmeier, dass sich diese Namenstradition über Jahrhunderte hinweg erhalten hat.

Familienfoto aus dem Jahre 1980
anlässlich der Silbernen Hochzeit
von Margareta und Frowin Honstetter. Kinder v.l.n.r.
Marietta, Lucia, Friederike.
Burkhard, Markus

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