Keine Straße ist nach ihm benannt, wie im Falle seines Nachbarn Wilhelm Schäfer, keine Ernennung zum Ehrenbürger. Dabei war er zu seiner Zeit ein vielgelesener Autor, der Bücher mit zum Teil hohen Auflagen veröffentlichte. Heinrich Lhotzky hinterließ im kollektiven Geschichtsgedächtnis von Bodman-Ludwigshafen keine sichtbaren Spuren. Zum Glück! Nur ein Familiengrab in einer Ecke des Bodmaner Friedhofs trägt noch seinen Namen.
Heinrich Lhotzky? Der Name klingt einigen älteren Bürgern und Bürgerinnen von Bodman und Ludwigshafen noch im Ohr, vom Hörensagen. Wer geboren wurde, als er 1930 starb, wäre heute 95 Jahre alt. Heinrich Lhotzky? Wer war er, was tat er … niemand im Ort weiß es mehr. Er kam von woanders her, ein Mann, der von der Welt schon viel gesehen hatte, er war reich und er ging nicht in die Kirche. War er vielleicht Jude, so die Vermutung einiger. Nein, war er nicht. Er war ein evangelischer Theologe. So jedenfalls liest man es in der Umwelterklärung der Evangelischen Jugendbildungsstätte Bodman-Ludwigshafen, die sich heute auf seinem Anwesen befindet. Richtig. Lhotzkys spirituelle und religiöse Entwicklung nahm ihren Anfang in der evangelischen Kirche. Er studierte neben Philologie und Assyriologie auch Theologie. Ab 1885 arbeitete er einige Jahre als Lehrer und Hilfsprediger, erst bei deutschen Auswanderern in Bessarabien, danach auf der Krim. Später jedoch war er Religionen gegenüber ablehnend eingestellt und wandte sich mit zunehmendem Alter vom Christentum ab und einem völkischen Heidentum zu.
Lhotzky trat in Ludwigshafen um 1910 in Erscheinung. Er baute auf der Sommerhalde eine stattliche Villa für seine große Familie und seinen Buchverlag. Lhotzky schrieb zahlreiche Bücher. Die meisten von ihnen gleichen Predigten, Apellen, Ratgebern, in denen er seinen lebensreformerischen Ideen, moralischen Grundsätzen und sittlichen Werten Ausdruck verschafft. Eines seiner ersten Bücher mit der größten Auflage trug den Titel „Die Seele deines Kindes“. Darin vertritt er die These, dass sich die Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder möglichst heraushalten und die Natur ihren Lauf nehmen lassen sollten. „Erziehen will nur die Natur selbst.“, sagt er. Die Eltern könnten nur „ein schützender Zaun sein, dass werden kann, was werden soll.“ Außerdem würden sich die Kinder selbst gegenseitig am besten erziehen. „Nur Jugend kann Jugend erziehen.“ Daher sollte man möglichst viele Kinder haben. Sind es nur wenige Kinder oder gar nur eines, ginge die Erziehung meist schief. Ein halbes Dutzend sollten es schon sein. Besser noch wären sieben oder mehr Kinder. Lhotzky selbst hatte neun.


Lhotzkys politische Einstellung war völkisch-nationalistisch und antisemitisch. Er lehnte das Judentum ab und propagierte einen politischen Antisemitismus. Er predigte Kampf und Opfer, die Reinheit des Blutes, die Überlegenheit der arischen Rasse. Das Hakenkreuz war ihm ein Heilszeichen, ein Symbol des Allerhöchsten, das Arier auf der ganzen Welt hinterlassen hätten. Jede Hochkultur in dieser Welt, so Lhotzky, sei arischen Ursprungs. (Anm.d.R. damit meinte er u.a. auch das altägyptische Großreich.) Er schrieb: „Wir dürfen nie vergessen, dass die einzigen geordneten Staatenbildungen auf diesem Planeten den Ariern ihre Entstehung verdankt. Je reiner das arische Blut erhalten wurde, desto unumstößlicher mussten auch die arischen Staatengebilde sein. (…) Arier, das bedeutet Männer, die der Sonne entsprossen sind, also reines Gottesblut in sich tragen.“
Seine demagogischen Texte waren durchsetzt mit biblischen und neutestamentlichen Vergleichen. In letzter Konsequenz zeige sich Gottergebenheit und Gefolgschaftstreue wie bei Abraham darin, dass man seine eigenen Kinder opfere, wenn es höhere Mächte und Werte verlangen. Doch: „Wir Väter von 1914 haben mehr getan als Abraham. Wir haben unsere Söhne wirklich geopfert und haben’s mit freiem vollbewußten Willen getan ohne Zaudern und ohne Reue. (…) Für Volk und Vaterland.“


Auch wenn der Nationalsozialismus erst ab 1933 mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler richtig Fahrt aufnahm, kann Lhotzky, der diesem schon seit 1920 deutliche Sympathien entgegenbrachte, als Vordenker, Parolenschreiber und Verbreiter vieler Nazi-Ideologien gelten. Heute würde man ihn vielleicht als einen viralen, rechtsradikalen Influencer bezeichnen.
