Knorkes Misere

Was die Begriffe Lacheloch & Lachefass bedeuten und wofür diese Gerätschaften gut sind, ist im gleichnamigen Beitrag zu lesen. Hier geht es darum zu zeigen, dass selbst einfache Tätigkeiten die ganze Geistesgegenwart des Menschen erfordern, wenn diese nicht in einem Desaster enden sollen. Das gilt auch beim „Lachefahre“ oder „Gülleführe“.
Ein sensationeller Fund in Reinhard „Reini“ Epplers Instrumentenkasten hat eine verschollene, humorvolle Ballade zu Tage gefördert, die von einer Misere handelt, die einst dem Eugen alias „Knorke“ beim Gülleführe widerfahren ist.

Den Spitzenamen „Knorke“ hatte sich d‘ Eugen wohl selbst zu verdanken, da er diesen Begriff häufig im Munde führte, nachdem er sich mit einem netten Berliner Mädel angefreundet hatte, das im Rahmen der national-sozialistischen Bewegung „Kraft durch Freude“ (KdF) nach Ludwigshafen gekommen war. Der Ausdruck, der soviel bedeutet wie „gut“, „prima“, „ausgezeichnet“, hatte sich in Berlin ab 1916 rasch zum Modewort entwickelt und erfreute sich Jahrzehnte danach immer noch großer Beliebtheit.

Zurück zum Lachefahre: Lachefahren ist eigentlich ganz einfach. Ausflussöffnung des Lachefasses schließen, Lachefass befüllen, mit dem Traktor damit aufs Feld fahren, Ausflussöffnung öffnen, einige Runden drehen bis das Fass leer ist und zurückkehren. Die einzige kleine Schwierigkeit liegt im Öffnen des Verschlusses. Denn, kaum wird der Schieber des Verschlusses zur Seite geschoben, schießt die Gülle unter Druck aus dem Fass auf einen Teller und fächert sich auf. Eine satte, geruchsintensive Dusche ließe sich da kaum vermeiden, gäbe es nicht einen speziellen Mechanismus, eine Art Fernsteuerung, die sich vom Traktor aus bedienen lässt.

Nun, man kann sich denken, dass nach 16 Fahrten die Aufmerksamkeit eines Gülleführers nachlässt, besonders wenn sie durch Alkoholrückstände im Blut etwas getrübt ist. Und man kann auch verstehen, dass selbiger nach so vielen Wiederholungen ein und desselben Aktes ein sicheres Gefühl dafür entwickelte, wieviel Runden es braucht, bis das Fass leer ist.

Daher kam es, dass d‘ Knorke bei seiner letzten Fahrt die Bergstraße hinauf, weit weg von Zuhause und in großer Höhe, wie im Schlaf die Schaltvorrichtung des Lachefasses bediente und seine gefühlt notwendigen Runden auf dem Feld drehte.

Nachdem er sich durch einen Blick nach hinten vergewissert hatte, dass keine Gülle mehr ausfloss, trat er schließlich die Heimreise an. Den Umstand, dass er beim bergab fahren stärker als sonst auf die Bremse treten musste, lastete er dem Gesundheitszustand seines Traktors an. Daheim angekommen, stellte sein Töchterlein zur allgemeinen Überraschung fest, dass das Fass noch randvoll war. Dann war plötzlich nichts mehr „knorke“.

Es gab einige Bürger der älteren Generation, die behaupteten, d‘ Knorke hätte daraufhin ausgerufen: „Dii faar i id nomol uffe!!!“, worauf er, rasend vor Wut, den Riegel vor dem Loch zur Seite geschoben hätte und die ganze Brühe in seinen Hof laufen ließ.
Achtung! Das könnte ihm auch angedichtet worden sein. Denn aus der Ballade geht es nicht hervor und Zeitzeugen, die es bestätigen könnten, wird es kaum mehr geben. Oder aber sie wurden mundtot gemacht unter Androhung der Todesstrafe: „suscht honder alle s’letscht mol g’schisse“. Hierbei war zu befürchten , dass sie auch post mortem vollzogen worden wäre.
Andererseits gab und gibt es kaum Zeitgenossen oder Zeitgenossinnen, die in irgendeiner Weise daran zweifeln, dass sich angesichts des sehr speziellen knork‘schen Temperaments alles genau so zugetragen haben könnte, wie vermutet, oder es zumindest die zu erwartende Konsequenz gewesen wäre.

Die Ballade nun endlich hier im Original:

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