Bombenangriff auf Ludwigshafen

Am 10. Mai 2001 explodierte zum letzten Mal ein Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg in Ludwigshafen. Dabei wurde das Haus Merk, direkt am Bahnübergang, zum zweiten Mal zerstört. Das erste Mal wurde es am 22.02.1945 von einer Fliegerbombe getroffen, die unmittelbar beim Aufprall detonierte. Seit dem Krieg wurden mehrfach Blindgänger gefunden und unschädlich gemacht. Dieser Blindgänger wurde unglücklicherweise nicht rechtzeitig entschärft. 4 der 48 abgeworfenen Bomben sind bis heute noch nicht detoniert und wurden bis heute noch nicht gefunden. Die Zahl der abgeworfenen Bomben des 320. US-Air-Force-Geschwaders ist aus dem Bericht des Kommandanten des Fluggeschwaders bekannt. Möglicherweise sind die weiteren Bomben im See, außerhalb der Halde gelandet und wurden deshalb noch nicht gefunden, aber leider gab es auch schon einige die sich zwei Meter tief in die Erde eingegraben hatten ohne zu detonieren. Da die Zünder durch Feuchtigkeit in Gang gesetzt werden können, kann es jederzeit zu einer Explosion kommen.

Der 22.02.1945 war ein herrlicher sonniger Wintertag. Nebenbei war er der 9. Geburtstag meines Vaters. Die Dorfbewohner waren es durchaus gewohnt, dass gelegentlich ein feindliches Flugzeug oder auch ein ganzes Geschwader am Himmel zu sehen war. Für Dörfer, wie Ludwigshafen, bedeutet dies eigentlich keine unmittelbare Gefahr. Sie waren kein typisches Ziel für feindliche Bomber, wenngleich es bereits 1944 einen Fliegerangriff auf zwei zu Lazarettschiffen umfunktionierten Kursschiffen im Hafen von Ludwigshafen gegeben hatte. Als aber gegen 13 Uhr von Überlingen kommend ein Fluggeschwader mehrere Runden über Ludwigshafen drehte, sahen die meisten Menschen in Ludwighafen Gefahr aufziehen und die meisten Bewohner begaben sich in Luftschutzkeller, Hauskeller und die damaligen Bewohner des Zollhauses (ca. 5 Familien) begaben sich in den Schützengraben im Schlösslepark. Dieser war (kurioserweise) angelegt worden, um potenzielle Angriffe von der Seeseite abwehren zu können.

Gegen 14 Uhr kamen die Flugzeuge von Espasingen kommend zurück und warfen en Block aus ca. 2.000 Meter Höhe alle mitgeführten 48 Bomben (à 250 kg) mit einem Mal ab. Die damals 6-jährige Frida Schacher, die die Gefahr nicht erkannte und mit ihrem Bruder Ewald in der offenen Haustüre den Abwurf beobachtete, glaubte lauter schwarze Luftballons vom Himmel herabschweben zu sehen, ehe sie mit ihrem Bruder von der Druckwelle der Bomben durchs Haus geschleudert wurde und glücklicherweise unverletzt in einem Kartoffelhaufen im Keller landete. Die Bomben wurden alle gleichzeitig abgeworfen und die meisten explodierten gleichzeitig mit einem großen Knall, wie bei einem schlimmen Erdbeben. Die bombardierte Fläche erstreckte sich etwa von West nach Ost vom Bahnhof bis ans östliche Ende des Schlössleparks und von Nord nach Süd vom Haus Sernatinger (das Haus oberhalb des heutigen „blauen Affen“) entlang der Bahnlinie, wo mehrere Häuser ganz oder teilweise auf der „Insel Bibi“ (Schifferstraße Richtung Schlösslepark) zerstört wurden. Der größte Teil der Bomben schlug unterhalb der Bahnlinie ein, wo ebenfalls mehrere Häuser zerstört wurden und schließlich im damaligen Sumpfgebiet im Schlösslepark. Die Familien, die im Schützengraben Schutz gesucht hatten, wurden teilweise verschüttet, konnten sich jedoch alle selbst befreien.

Am verheerendsten hatte es das Strandhotel Adler getroffen. Er wurde von zwei Bomben fast völlig zertrümmert, von denen allerdings zunächst nur eine detonierte und das halbe Gebäude zerstörte. Ein umgestürzter Zimmerofen setzte dann das restliche Gebäude in Brand. Der Volkssturm und die Feuerwehr versuchten noch Menschen, mit zusammengebundenen Obstleitern, aus dem brennenden Gebäude zu retten. Doch für 6 bettlägerige Gäste, die aus Baden-Baden nach Ludwigshafen verlegt wurden, kam jede Hilfe zu spät. Sie verbrannten in dem brennenden Gebäude. Insgesamt wurden 11 Gebäude völlig zerstört und 49 schwer beschädigt. Auch die Bahngleise wurden getroffen. Teile der Bahngleise flogen bis ins Oberdorf. Eine Schiene steckte im Dach der Scheune des Hofs Karle, der ca. 80 m von der Bahnlinie entfernt ist.

Die Verletzten, die aus dem Adler gerettet werden konnten, wurden auf der Wiese westlich des Strandhotels versorgt. Dort und an weiteren Stellen detonierten nachts gegen 2 Uhr insgesamt  5 weitere Bomben, die mit Zeitzündern ausgestattet waren.

Trotz der verheerenden Zerstörung an Gebäuden und den armen 6 bettlägerigen Baden-Badenern, die im Adler schrecklich verbrannten, gab es auf Seiten der einheimischen Bevölkerung keine Toten oder Schwerverletzten.

Was das eigentliche Ziel des Angriffs war, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen. Es ist von einer „Einheit Mehl“ die Rede, die ebenfalls im Adler untergebracht gewesen sein soll. Es wird vermutet, dass die Amerikaner glaubten, dass einer der Güterzüge im Hafengelände ein Munitionszug dieser Einheit gewesen sein soll. Eine weitere These lautet, dass in dem vorgelagerten Café des Strandhotel Adlers Alubleche für militärische Zwecke zwischengelagert worden seien und dass diese möglicherweise das originäre Ziel des Angriffs waren. Schließlich spricht aber auch vieles dafür, dass die Bahngleise bzw. der Rangierbahnhof das Ziel waren, um den intensiven Bahnverkehr zu unterbrechen, denn die Fliegerstaffel hat an jenem 22. Februar zahlreiche Bahnhöfe, Bahnbrücken und Gleise in Baden bombardiert.

Am Folgetag, dem 23.02.1945, erfolgte kurz vor 8 Uhr ein zweiter Angriff. Daraus lässt sich schließen, dass die US-Air-Force beim ersten Angriff wohl nicht erreicht hat, was sie wollte. Bei diesem Angriff, der jedoch von zwei Jagdflugzeugen mit Bordwaffen geflogen wurde, kam dann doch noch ein Ludwigshäfler ums Leben. Der Bahnbedienstete Leopold Sernatinger wurde beim Löschen der Signalanlage am Lettloch (heute Yachthafen Stockach) tödlich getroffen. Bei diesem Angriff wurde ein zweiter Güterzug, der zwischen Lettloch und Waschplatz stand, beschossen. Ferner wurden die Villen „Sonnenschein“ und „Witte“ schwer getroffen.

Bis zum Kriegsende (in Ludwigshafen marschierten die Franzosen am 22.04.1945 ein) begaben sich die Ludwigshäfler fortan regelmäßig in die Luftschutzkeller, wenn sie Flieger sahen. Einen Fliegeralarm (Sirene) gab es nicht.

Die Zerstörung der Bahnstrecke zeigte übrigens kaum Wirkung. Am 23. Februar, also dem Tag nach dem eigentlichen Angriff, fuhren Züge von Radolfzell nach Ludwigshafen und fuhren dann wieder zurück. Die Bahngleise waren wenige Tage später wieder repariert, sodass die Strecke Radolfzell – Friedrichshafen – München über Ludwigshafen wieder befahren wurde. Der Bahnhof in Ludwigshafen hatte damals tatsächlich eine gewisse Relevanz. Bodenseeobst aus Ludwigshafen und Kartoffeln aus Bonndorf wurden schon damals bis nach Berlin oder Danzig transportiert.

Güterzüge, die in Ludwigshafen beladen wurden, waren eigentlich nichts Außergewöhnliches. Der Zug, der am 22.02. im Hafengelände stand, wurde von den Bomben nicht getroffen, aber er hatte auch keine Waffen an Bord, wie ein Augenzeuge berichtet. Der zweite Güterzug, der am 23.02. beschossen wurde, hatte sicher keine Munition transportiert. Denn er wurde getroffen, aber es kam zu keiner Explosion. Was aus den Alublechen geworden ist, ist nicht bekannt. Sie waren irgendwann einfach weg.

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