Verschwundenes Handwerk -Verlorene Künste

Berufe und Aufgabenbereiche im Jahre 1939

Wo sind sie hin, die vielen Berufe und Aufgaben, die es in unserer Ortschaft alle einmal gab? Verschwunden ohne großes Aufhebens, nach und nach, fast unbemerkt. Verschwunden, weil sie nicht mehr gebraucht wurden, weil man mit ihnen den Lebensunterhalt nicht mehr sichern konnte, weil ihre Ausübung vom Staat so stark reglementiert wurde, dass man eine Fortführung als zu aufwendig empfand, oder weil sie den nachfolgenden Generationen als Lebensaufgabe nicht mehr attraktiv genug erschienen.

Es ist schwer nachzuvollziehen, wann und weshalb das sogenannte „solide“ Handwerk gegenüber akademischen oder verwaltungstechnischen Berufe an Ansehen verlor. Vielleicht ist es ja die „späte Rache“ dafür, dass die praktisch arbeitenden Menschen früher, in der Blütezeit des Handwerks, die Akademiker und Beamten gerne als Griffelspitzer und Sesselfurzer bezeichnet und damit aus ihrer Geringschätzung für sie keinen Hehl gemacht hatten.

Wie auch immer! Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass mit dem Verschwinden eines jeden Berufes viel Kunstfertigkeit und ein großer Wissens- und Erfahrungsschatz unser Dorf verlassen haben.


Wieviel Arbeitserfahrung, Materialkunde und Fingerspitzengefühl es brauchte, um mit den bloßen Händen, einfachsten technischen Hilfsmitteln und ohne Maschinen ein Meisterstück abzuliefern, können sich heute viele nicht mehr vorstellen. Wie hochspezialisiert alle diese Berufe waren, lässt sich anhand der großen Zahl differenzierter Werkzeuge erahnen.

In einer Liste hat Walter Strobel die Berufe und Funktionen zusammengefasst, die es im Jahre 1939 im Ortsteil Ludwigshafen gab, und ihnen durch die Nennung der Namen der jeweiligen Personen ein Gesicht gegeben.

Sicher gab es vor 1939 noch weitere Berufe und Tätigkeiten, von denen sich einige in Familiennamen erhalten haben, wie: Drechsler, Seiler, Knecht, Köhler, Ledergerber, Müller, Weber, Töpfer.
Andere Berufe und Tätigkeiten, die offenbar keine hohes Ansehen genossen, finden sich in Spottnamen wieder, wie: Brunnenputzer, Leimsieder, Nachtwächter, Scherenschleifer, Sensendengler, Scherrmuser (Maulwurfsfelle wurden früher an Pelzhändler verkauften).
Manche Tätigkeiten wurden häufig vom „fahrenden Volk“ ausgeübt, wie: Korb flechten, Besen binden, Scheren schleifen, Kessel flicken, Lumpen und Alteisen sammeln.
Und dann brauchte es auch noch Hufschmiede, Strumpfstricker, Seifensieder, Kerzenzieher, Tabakschneider und Stumpenmacher, Kürschner, Ausrufer oder Ausscheller, Straßenkehrer, Leichenbitter und Totengräber, Kuppler (Heiratsvermittler) und Hochzeitsbitter und vieles mehr, um alle Bedarfe des Alltags abzudecken.

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