Der Letze seiner Zunft

Während die Neandertaler sich noch Felle um die Füße wickelten um sich gegen die Kälte zu schützen, entwickelte sich im Laufe der Jahrtausende aus dieser primitiven Fußbekleidung der heutige Schuh und das dazugehörige Handwerk des Schuhmachers. Der Schuhmacher oder auch Schuster genannt ist heute ein fast vergessener Beruf, da die meisten Schuhe in Fabriken maschinell und automatisiert hergestellt werden. Will man sich ein maßgefertigtes Paar Schuhe kaufen, sind etwa 30 bis 40 Arbeitsstunden dafür notwendig und bei den heutigen Lohnkosten nicht mehr attraktiv. Der letzte Schuhmacher in Ludwigshafen war mein Opa Albert Eppler. Am 19. April 1937 begann er seine Lehre beim Schuhmacher Eugen Finzgar in Espasingen. Am 07. Oktober 1940 bestand er seine Gesellenprüfung zum Schuhmacher und war bereit für die Besohlung der Menschheit.

Doch wie alle jungen Männer in seinem Alter, wurde er direkt nach der Gesellenprüfung zum Wehrdienst einberufen. Durch etwas Glück oder auch vielleicht durch eine List, konnte er sich dem Kriegseinsatz entziehen. Er hat mir nie so ganz deutlich erzählt, ob es so von ihm beabsichtigt war oder eher der Zufall eine wesentliche Rolle spielte. Als er mit seiner Kompanie zu Ausbildungszwecken von Konstanz nach Hegne marschierte, gab es zwischendurch eine kurze Pause. Wie damals üblich, wurden immer drei Gewehre in einer „Pyramide“ zusammengestellt, damit diese nicht achtlos auf dem Boden herumlagen. Als der Marsch weiter gehen sollte, waren alle Soldaten mit ihrem Gewehr angetreten, bis auf meinen Opa. Sein Gewehr war nicht mehr dort, wo er es deponiert hatte. Ob ein anderer Schludrian sich dessen bemächtigt hatte, war auf die Schnelle nicht nachvollziehbar. Daraufhin sagte einer seiner Vorgesetzten: “So hat das mit dir keinen Wert.” Schließlich wurde er im Juli 1941 aus der Wehrmacht entlassen und fing wieder im “kriegswichtigen Beruf” des Schuhmachers bei seinem früheren Lehrmeister Eugen Finzgar in Espasingen an zu arbeiten. Vielleicht hatte das Schicksal eine wichtige Weiche gestellt und mit dem Sprichwort „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ dem Leben meines Opas einen gewohnten Kurs gegeben.

1947 legte er bei der Badischen Handwerkskammer Konstanz seine Meisterprüfung ab und eröffnete zwei Jahre später seine erste Schuhmacherwerkstatt in der Stockacher Straße. Im Zuge des Wirtschaftswunders der 1950er Jahre konnte die Werkstatt im eigenen Hause in der „alten“ Rathausstraße (heutige Poststraße) eröffnet werden. Ab 1963 wurde die Werkstatt mit einem kleinen Verkaufsladen erweitert. Während es in den 1950ern noch zwei Schuhmacher in Ludwigshafen gab, musste mein Opa 1972 als letzter seiner Zunft die Handwerkskunst des Schusters aufgeben. Wie viele andere in seinem Beruf konnte er nicht mehr mit den günstig produzierten Schuhen aus Südeuropa mithalten. Allerdings rissen die Anfragen nach Reparaturen nicht ab, im Gegenteil, der Bedarf stieg ständig an. So reparierte er neben seinem inzwischen zweiten Beruf als Briefträger und auch später als Rentner noch bis zu seinem 90. Lebensjahr Schuhe, Schulranzen, Handtaschen und andere Lederwaren. Als er bekannt gab, dass er nun seine Leisten endgültig an den Nagel hängen wird, wurde ich von einigen Leuten angesprochen, ob ich nicht dieses Handwerk von meinen Opa lernen und somit die Reparaturarbeiten weiter ausüben könnte.  Mein Vater hat die originalen Holzleisten in seiner Gartenlaube buchstäblich an den Nagel gehängt. So erinnern wir uns ehrfürchtig an ein meisterliches aber leider verschwundenes Handwerk, vielmehr noch an den Menschen, der es über 60 Jahre mit Stolz ausgeübt hat.

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